Otzenrath
Kohle verstromen Otzenrath ist ein kleiner Ort in der Nähe
von Köln. Wahrscheinlich gäbe es keinen besonderen Grund etwas über
Otzenrath zu berichten, würde das Dorf nicht ungefähr 10 km vom
Braunkohlentagebau Garzweiler entfernt liegen. Und wäre der politische
Widerstand gegen die Pläne der Rheinbraun bis heute erfolgreicher
gewesen, würde Otzenrath in eine sichere Zukunft blicken. So aber
gleicht der Ort und die Umgebung heute schon einem Geisterdorf. Die
wenigen Einwohner die hier noch leben, werden, wenn sie klug sind, mit
entsprechenden Abfindungen das Gelände ebenfalls bald verlassen. Alle Häuser
müssen weichen, denn der Bagger frißt sich immer weiter. Bis 2006 wird
Otzenrath erreicht sein, Garzweiler II reicht darüber hinaus bis
Holzweiler (ca. 2035).
Als Rolf Kirsch das Haus von Inge Broska in Otzenrath zum erstenmal betrat war von dem drohenden Schicksal kaum etwas zu spüren. Zu weit weg schien die Planung, zu möglich auch ihr Scheitern durch den Widerstand der Bürger. Heute ist das Ende zum Greifen nah. Die ersten Häuser in der Nachbarschaft fallen durch die Abrißbirne. Im Laufe der Jahre hat Inge Broska aus dem, von den Eltern geerbten Haus ein Hausmuseum gemacht, um etwas von ihrer Geschichte, der des Ortes und des Hauses zu bewahren. Im Rahmen dieses Heimatmuseums rief sie bereits vor Jahren ihr "Otzenrathstipendium" aus, das Künstlerinnen und Künstlern im bescheidenen Rahmen die Möglichkeit geben soll, sich mit der Situation vor Ort auseinanderzusetzen. Im November 2001 trat Kirsch sein Stipendium an und zeichnet. Was dabei entsteht gleicht einer Katalogisierung des Hauses und seiner Umgebung. Nicht streng wissenschaftlich, sondern mit dem Blick des Malers. Die Technik der er sich dazu bedient könnte aus der Trickkiste alter Meister stammen. Ein, auf einem Stativ fixierter Rahmen hält eine ca.30x40 cm große Glasplatte, durch die Kirsch in den Bildausschnitt blickt. Mit einem Permanentstift zeichnet er den Blick auf der Glasscheibe nach, was bleibt ist die Spur seiner Betrachtung als Linienzeichnung, auf dem Glasträger frei im Raum schwebend. An einer Wand präsentiert drängt sich sofort die Assoziation des Flüchtigen und des Verschwindens auf, ein Eindruck der angesichts der drohenden Zerstörung treffender nicht sein kann. Wie eine Erinnerung scheint sich die Zeichnung auf ihrem Glas zu entmaterialisieren.
Ein weiteres Mal geht Kirsch an der Grenzlinie zwischen Fotografie und Malerei entlang. Hatte er z.B. in seiner Arbeit "Phantom" die Schattenseiten der Dinge inszeniert und den Zauber farbiger Schattenbilder beschworen, so zeigt er diesmal dem dokumentarischen Anspruch seines Zeichenzyklus gemäß ihre Vorderseiten. Dem Fotografieren verwand erscheint dabei der Umgang mit Glasplatten. In der Frühzeit der Fotografie wurde die Belichtung bekanntlich auf lichtempfindlich beschichteten Platten vollzogen. Kirsch ersetzt nun den gesamten mechanisch, apparativen Prozess durch seine Zeichnung, statt der Linse dient sein Auge, statt dem Silber der Stift, statt der Belichtung sein Strich. Was entsteht ist eine minutiöse Zeichnung des Gesehenen. Die Linie ist gebrochen durch die Anstrengung des Armes. Verzerrungen, Ungenauigkeiten, Abweichungen vom Vorbild werden im Gesamtgefüge aufgefangen. Sehen wir eine seiner Zeichnungen, scheinen wir in den Raum zu blicken, wobei als Besonderheit noch anzumerken bleibt, dass es sich eben nicht um eine projizierte Zentralperspektive handelt wie sie üblicher Weise Zeichnungen innewohnt. Der Zeichner konstruiert den Raum nicht, der Raum bildet sich ab, durch das Auge, durch die Hand auf dem Glas. Derartig zum Medium "instrumentalisiert", kann sich der Zeichner auf die Dinge konzentrieren, braucht sich nicht mit lästigen Maßarbeiten aufzuhalten, muß aber entscheiden, und das ist der eigentliche Akt, wo er die Linie setzt.
Wenn in den nächsten Jahren, der Zeitpunkt ist noch nicht gewiss, das Haus Broska geräumt ist, soll es eine Phase des Leerstandes geben. Eine der Ausstellung, die Inge Broska dann machen möchte, wird die Präsentation des Zeichenzyklus "Otzenrath" von R.J.Kirsch sein. In jedem Raum wird dann eine Sequenz zu sehen sein, die den jeweiligen Zustand zur Zeit der Anfertigung zeigt. Aber auch Szenen aus dem Dorf bis hin zur Kante des Tagebaus sind in der Präsentation integriert.
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