Anruf von Lisa im August 1987 (euphorisch):"Wir haben Räume in
der Mozartstr. 60 - es kann losgehen!".
Ich machte mich sofort auf den Weg, und ich mit Yola Berbesz und Ingo Kümmel waren die
ersten, die dort eintrafen. Da ich Al Hansen bereits ein paar Jahre kannte und vor allem
seine Idee der Ultimate Akademie, packte mich gleich ebenso die Aufbruchstimmung. Al´s
nomadisierende Vision hatte sich einen festen Wohnsitz zugelegt - hier konnte man das
Konzept von Beuys der "Freien Internationalen Universität" verwirklichen,
modifizieren und vor allem: damit experimentieren! Während Al schon fast eine
traditionelle Rolle als Vertreter des Happening und Fluxus einnahm, vertrat Lisa die
"Experimentelle Kunst"- multimedial und interdisziplinär. Beides verband sich
zu dem Nährboden, auf dem neue Kunst wild wachsen konnte. Schon vor der eigentlichen
Eröffnung, Al´s 60ten Geburtstag am 5. 10. 1987, entwickelte sich der Ort zum Bienenkorb
für Künstler, die sich sonst nirgendwo zu Hause fühlten. "Everybody is a professor
of his own" - lehren und lernen zugleich, ohne Reglementierung oder Anweisung -
projektorientiertes Arbeiten, kooperativ, kommunikativ und übergreifend: die Konzepte
flogen nur so durch die Gegend, wurden diskutiert, realisiert oder verworfen. Letzteres
lag eigentlich immer an den fehlenden Finanzen, was sich bald zu einem enervierendem
Dauerthema entwickeln sollte. Obwohl mit unheimlicher Energie darüber hinweg gearbeitet
wurde und niemand daran erinnert werden wollte: die GEW, Telekom und der Vermieter sorgten
mit unmißverständlichen Hinweisen für das "Back to Reality". Al und Lisa
steckten ihr letztes Geld hinein, aber jeder neue Monat war mit einem großen Fragezeichen
versehen. Als dann der Zahnarzt, mit dem Al für seine neuen Zähne einen Deal gemacht
hatte (Kunst gegen Kunst-Zähne) - dieser sich
nicht mehr an die Abmachung erinnern wollte und Al auf der Jagd nach Cash den
Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzte, schienen die letzten Tage der Mozartstr. 60
gekommen. Da half auch nicht mehr Al´s money-candle-lighting. Doch inzwischen hatte sich
schon etwas gebildet, was in der Lage war, mit dieser Situation fertig zu werden: ich
möchte es als das ULTINET bezeichnen. Es gab Leute, die sich ständig engagierten, und es
gab ein ziemlich großes Netzwerk von Symphatisanten. In der darauf folgenden Zeit wurde
der Mietvertrag wie eine heiße Kartoffel hin und hergeworfen. Ich hatte sie auch für ein
halbes Jahr, und es war ein ziemlich mieser Job. Man war nun derjenige, der die anderen an
ihre Zusage zur Unterstützung erinnern mußte - sozusagen ein Erfüllungsgehilfe des
Vermieters, der immer wieder unangenehm auftauchte (während die anderen ihre ganze
Energie auf die Kunst brachten). Die Ultimate blieb ständig unter Dampf, selbst als die
Räume einfach nicht mehr zu halten waren. Axel Brand schnappte sich als letzter die
heiße Kartoffel, vermietete alles in Parzellen und der Akademie blieb nur noch eine Art
Büro mit kleinem Ausstellungsraum übrig. Ich gründete mit 7 Mitgliedern einen Verein,
um die Ultimate endlich auch als juristische Person für Unterstützer akzeptabel zu
machen. Dies brachte mir den Vorsitz für die ersten fünf Jahre ein, und neben Al und
Lisa war ich so etwas wie der Organisationsleiter.
Obwohl wir mit dem Büro räumlich sehr eingeschränkt waren, erwies
sich weiter das Netzwerk als die eigentliche Kraft. Es gab weiterhin Ausstellungen und
sogar Performances in den dann schnell überfüllten Räumen. Bei größeren Projekten
wurden joint-ventures mit anderen Institutionen eingegangen - bestes Beispiel war die
Kooperation mit dem Urania-Theater für Performance-Events. Das Büro wurde zum Fixpunkt
im Ultinet, dem Knoten im Netz der Netzwerke.
Fast alle beteiligten Künstler haben Kunst-Konzepte von vorneherein als Netzwerke
entworfen und führten somit immer neue Leute an die Ultimate heran.
Al Hansen hatte den Grundstein für diese Aktivitäten geliefert, indem
er das von Joseph Beuys, Robert Filliou und dem 14. Dalai Lama initierte
Schneeball-Projekt wieder aufgriff. Er lud Künstler aus Napoli, Lodz oder Ulan Bator ein,
bei uns auszustellen und im Gegenzug für uns in ihren Städten etwas zu organisieren.
Eines Tages besuchte ich mit Al den mongolischen Botschafter in Troisdorf. Dieser hatte
auf Grund eines Mailings der "Snowball Fax Machine Exploration" von uns gehört
und Interesse daran bekundet. Bei unserem Besuch stellte sich aber heraus, daß er eine
Ausstellung mit dem Direktor der Kunstakademie von Ulan Bator anbieten wollte, während Al
mehr an neuen Rock-Bands oder unabhängigen Kunstgruppen interessiert war. Schließlich
befand Al, daß es sich bei dem Botschafter um einen"typical
cement head" handelte. Er formulierte einen offenen Brief, der im "Mongol
Messanger" abgedruckt werden sollte und übergab ihn dem Botschafter.
Al hatte Recht - wir haben nie wieder etwas davon gehört.
Das Schneeball-Faxprojekt war in dieser Hinsicht erfolgreicher, weil
wir damit die großen Institutionen umgehen konnten und auf einem
"low-cost-level" trotzdem internationale Kontakte aufbauten - dies reichte in
alle Kontinente und am meisten faszinierten uns Anfragen etwa aus Papua Neu Guinea, Zaire
oder Cuba. Auf der Documenta IX nomadisierten wir mit einem Funk-Fax-Equipment und luden
alle Künstler ein, die sonst nicht eingeladen waren
- Al schickte seine 3-D Faxe ins Museum of Contemporary Art nach New York.
Bei seinem Eintritt in die Ultimate brachte Hans-Jörg Tauchert das
Netz der Bananenbüros mit, kreierte die Performance-Gesellschaft als offene Struktur,
gründete den Staufreunde n.e.V.. Mit Roland Kerstein und R.J. Kirsch entwickelte er den
"Stillstand" als Net-Newsletter. Inge Broska verbindet uns mit der
Frauenbewegung und dem weiblichen Part des Fluxus. Ruth Knecht, von jeher wegen ihrer
räumlichen Entfernung auf Netz-Strukturen angewiesen, schuf ihr eigenes Asch-Netz, mit
welchem sie interessante mail-art Projekte realisierte. Parzival entwickelte mit der Koop
Kunstforum und der Documenta Micro Fair seine offenen Feldkonzepte - zuletzt das Projekt
Kunstforschung, mit dem er sich aufmachte, den ansonsten nicht kunstinteressierten
Normalbürger in dessen Wohnzimmer zu erreichen. Susanne Helmes und Petra Deus bauten in
ihrem Bereich der Tanzperformance kleinere Netzwerke auf. Theresa Draches außerst
flexibles Netzwerk ist eng mit ihren persönlichen Kontakten verbunden, was Al´s Form
sehr nahe kommt. Rolf Hinterecker, mail-artist der ersten Stunde startete mit mir das
Asyl-Fax Projekt und betreibt sein "Office for global affairs", von welchem aus
er unaufhörlich an seinem globalem Netz knüpft - hieraus entwickelte sich die
Thailand-connection. Zuletzt stieß Volker Hamann zu uns und brachte sein jahrelang
aufgebautes internationales ArtNet mit. Dietmar Pokoyski und Enno Stahl gründeten den
Krash-Verlag, erweiterten den Flux- um den Lit.-Aspekt - später stieß Anja Ibsch dazu.
Roland Bergère knüpft das Schneeball-Netz weiter mit Holland, Belgien und zuletzt mit
Ghana. Yola Berbesz initiierte mit mir das Projekt "Planetarische Gesellschaft",
welches als offene Struktur eine globale Vision und Utopie darstellt. Nini Flick bereitet
gerade mit der Restaurierung ihres altneuen Hanomags eine Europa-Reise vor, woraus ein
neues Netz hervorgehen wird....
Der Vollständigkeit halber sei das Studium der Karte des
Ultimate Universums" empfohlen. Es bleibt zu sagen, daß auch jene Künstler,
die selbst wenig Ambitionen zu eigenen Netzstrukturen entwickelt haben, immer an den
Projekten beteiligt waren. Das Wesen der ultimativen Netze gleicht mehr einer
multizelluraren Struktur, in welcher die Teilnehmer meist gleichberechtigt neben den
Initiatoren stehen.
Das ULTINET besteht aus ineinandergreifenden micro- und macro-Netzen.
Die Ultimate Akademie versteht sich als ein multisymbiotisches Gebilde aus Künstlern
unterschiedlichster Richtungen, welche alle durch den
Spirit des inter" zusammenfinden: inter-medial, inter-aktiv,
inter-national, inter-networkers!
Diese organische Form macht das Studium" effektiv, weil
Kompetenzen und Prioritäten wechseln und es latent die
Option der Erneuerung beinhaltet.
Al Hansen war das humane Interface für unsere Netzstruktur - sein Vermächtnis ist das
Myzel der freien Kunst.... Join us at the ULTINET!