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EGOCINO

 

 

 

UltinetArt

von Pietro Pellini

 

Al´s nomadisierende Vision hatte sich einen festen Wohnsitz zugelegt - hier konnte man das Konzept von Beuys der "Freien Internationalen Universität" verwirklichen, modifizieren und vor allem: damit experimentieren!

 

Anruf von Lisa im August 1987 (euphorisch):"Wir haben Räume in der Mozartstr. 60 - es kann losgehen!". Ich machte mich sofort auf den Weg, und ich mit Yola Berbesz und Ingo Kümmel waren die ersten, die dort eintrafen. Da ich Al Hansen bereits ein paar Jahre kannte und vor allem seine Idee der Ultimate Akademie, packte mich gleich ebenso die Aufbruchstimmung. Al´s nomadisierende Vision hatte sich einen festen Wohnsitz zugelegt - hier konnte man das Konzept von Beuys der "Freien Internationalen Universität" verwirklichen, modifizieren und vor allem: damit experimentieren! Während Al schon fast eine traditionelle Rolle als Vertreter des Happening und Fluxus einnahm, vertrat Lisa die "Experimentelle Kunst"- multimedial und interdisziplinär. Beides verband sich zu dem Nährboden, auf dem neue Kunst wild wachsen konnte. Schon vor der eigentlichen Eröffnung, Al´s 60ten Geburtstag am 5. 10. 1987, entwickelte sich der Ort zum Bienenkorb für Künstler, die sich sonst nirgendwo zu Hause fühlten. "Everybody is a professor of his own" - lehren und lernen zugleich, ohne Reglementierung oder Anweisung - projektorientiertes Arbeiten, kooperativ, kommunikativ und übergreifend: die Konzepte flogen nur so durch die Gegend, wurden diskutiert, realisiert oder verworfen. Letzteres lag eigentlich immer an den fehlenden Finanzen, was sich bald zu einem enervierendem Dauerthema entwickeln sollte. Obwohl mit unheimlicher Energie darüber hinweg gearbeitet wurde und niemand daran erinnert werden wollte: die GEW, Telekom und der Vermieter sorgten mit unmißverständlichen Hinweisen für das "Back to Reality". Al und Lisa steckten ihr letztes Geld hinein, aber jeder neue Monat war mit einem großen Fragezeichen versehen. Als dann der Zahnarzt, mit dem Al für seine neuen Zähne einen Deal gemacht hatte (Kunst gegen Kunst-Zähne) - dieser sich nicht mehr an die Abmachung erinnern wollte und Al auf der Jagd nach Cash den Gerichtsvollzieher auf den Hals hetzte, schienen die letzten Tage der Mozartstr. 60 gekommen. Da half auch nicht mehr Al´s money-candle-lighting. Doch inzwischen hatte sich schon etwas gebildet, was in der Lage war, mit dieser Situation fertig zu werden: ich möchte es als das ULTINET bezeichnen. Es gab Leute, die sich ständig engagierten, und es gab ein ziemlich großes Netzwerk von Symphatisanten. In der darauf folgenden Zeit wurde der Mietvertrag wie eine heiße Kartoffel hin und hergeworfen. Ich hatte sie auch für ein halbes Jahr, und es war ein ziemlich mieser Job. Man war nun derjenige, der die anderen an ihre Zusage zur Unterstützung erinnern mußte - sozusagen ein Erfüllungsgehilfe des Vermieters, der immer wieder unangenehm auftauchte (während die anderen ihre ganze Energie auf die Kunst brachten). Die Ultimate blieb ständig unter Dampf, selbst als die Räume einfach nicht mehr zu halten waren. Axel Brand schnappte sich als letzter die heiße Kartoffel, vermietete alles in Parzellen und der Akademie blieb nur noch eine Art Büro mit kleinem Ausstellungsraum übrig. Ich gründete mit 7 Mitgliedern einen Verein, um die Ultimate endlich auch als juristische Person für Unterstützer akzeptabel zu machen. Dies brachte mir den Vorsitz für die ersten fünf Jahre ein, und neben Al und Lisa war ich so etwas wie der Organisationsleiter.

 

Obwohl wir mit dem Büro räumlich sehr eingeschränkt waren, erwies sich weiter das Netzwerk als die eigentliche Kraft. Es gab weiterhin Ausstellungen und sogar Performances in den dann schnell überfüllten Räumen. Bei größeren Projekten wurden joint-ventures mit anderen Institutionen eingegangen - bestes Beispiel war die Kooperation mit dem Urania-Theater für Performance-Events. Das Büro wurde zum Fixpunkt im Ultinet, dem Knoten im Netz der Netzwerke. Fast alle beteiligten Künstler haben Kunst-Konzepte von vorneherein als Netzwerke entworfen und führten somit immer neue Leute an die Ultimate heran.

 

Al Hansen hatte den Grundstein für diese Aktivitäten geliefert, indem er das von Joseph Beuys, Robert Filliou und dem 14. Dalai Lama initierte Schneeball-Projekt wieder aufgriff. Er lud Künstler aus Napoli, Lodz oder Ulan Bator ein, bei uns auszustellen und im Gegenzug für uns in ihren Städten etwas zu organisieren. Eines Tages besuchte ich mit Al den mongolischen Botschafter in Troisdorf. Dieser hatte auf Grund eines Mailings der "Snowball Fax Machine Exploration" von uns gehört und Interesse daran bekundet. Bei unserem Besuch stellte sich aber heraus, daß er eine Ausstellung mit dem Direktor der Kunstakademie von Ulan Bator anbieten wollte, während Al mehr an neuen Rock-Bands oder unabhängigen Kunstgruppen interessiert war. Schließlich befand Al, daß es sich bei dem Botschafter um einen"typical cement head" handelte. Er formulierte einen offenen Brief, der im "Mongol Messanger" abgedruckt werden sollte und übergab ihn dem Botschafter.

Al hatte Recht - wir haben nie wieder etwas davon gehört.

Das Schneeball-Faxprojekt war in dieser Hinsicht erfolgreicher, weil wir damit die großen Institutionen umgehen konnten und auf einem "low-cost-level" trotzdem internationale Kontakte aufbauten - dies reichte in alle Kontinente und am meisten faszinierten uns Anfragen etwa aus Papua Neu Guinea, Zaire oder Cuba. Auf der Documenta IX nomadisierten wir mit einem Funk-Fax-Equipment und luden alle Künstler ein, die sonst nicht eingeladen waren - Al schickte seine 3-D Faxe ins Museum of Contemporary Art nach New York.

 

Bei seinem Eintritt in die Ultimate brachte Hans-Jörg Tauchert das Netz der Bananenbüros mit, kreierte die Performance-Gesellschaft als offene Struktur, gründete den Staufreunde n.e.V.. Mit Roland Kerstein und R.J. Kirsch entwickelte er den "Stillstand" als Net-Newsletter. Inge Broska verbindet uns mit der Frauenbewegung und dem weiblichen Part des Fluxus. Ruth Knecht, von jeher wegen ihrer räumlichen Entfernung auf Netz-Strukturen angewiesen, schuf ihr eigenes Asch-Netz, mit welchem sie interessante mail-art Projekte realisierte. Parzival entwickelte mit der Koop Kunstforum und der Documenta Micro Fair seine offenen Feldkonzepte - zuletzt das Projekt Kunstforschung, mit dem er sich aufmachte, den ansonsten nicht kunstinteressierten Normalbürger in dessen Wohnzimmer zu erreichen. Susanne Helmes und Petra Deus bauten in ihrem Bereich der Tanzperformance kleinere Netzwerke auf. Theresa Draches außerst flexibles Netzwerk ist eng mit ihren persönlichen Kontakten verbunden, was Al´s Form sehr nahe kommt. Rolf Hinterecker, mail-artist der ersten Stunde startete mit mir das Asyl-Fax Projekt und betreibt sein "Office for global affairs", von welchem aus er unaufhörlich an seinem globalem Netz knüpft - hieraus entwickelte sich die Thailand-connection. Zuletzt stieß Volker Hamann zu uns und brachte sein jahrelang aufgebautes internationales ArtNet mit. Dietmar Pokoyski und Enno Stahl gründeten den Krash-Verlag, erweiterten den Flux- um den Lit.-Aspekt - später stieß Anja Ibsch dazu. Roland Bergère knüpft das Schneeball-Netz weiter mit Holland, Belgien und zuletzt mit Ghana. Yola Berbesz initiierte mit mir das Projekt "Planetarische Gesellschaft", welches als offene Struktur eine globale Vision und Utopie darstellt. Nini Flick bereitet gerade mit der Restaurierung ihres altneuen Hanomags eine Europa-Reise vor, woraus ein neues Netz hervorgehen wird....

 

Der Vollständigkeit halber sei das Studium der Karte des „Ultimate Universums" empfohlen. Es bleibt zu sagen, daß auch jene Künstler, die selbst wenig Ambitionen zu eigenen Netzstrukturen entwickelt haben, immer an den Projekten beteiligt waren. Das Wesen der ultimativen Netze gleicht mehr einer multizelluraren Struktur, in welcher die Teilnehmer meist gleichberechtigt neben den Initiatoren stehen.

 

Das ULTINET besteht aus ineinandergreifenden micro- und macro-Netzen. Die Ultimate Akademie versteht sich als ein multisymbiotisches Gebilde aus Künstlern unterschiedlichster Richtungen, welche alle durch den Spirit des „inter" zusammenfinden: inter-medial, inter-aktiv, inter-national, inter-networkers!

Diese organische Form macht das „Studium" effektiv, weil Kompetenzen und Prioritäten wechseln und es latent die Option der Erneuerung beinhaltet.

Al Hansen war das humane Interface für unsere Netzstruktur - sein Vermächtnis ist das Myzel der freien Kunst.... Join us at the ULTINET!

 

 

 

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