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Die Braunkohlebagger rücken näher - und Künstlerin Inge Broska sammelt, sammelt und sammelt. Sie will verhindern, daß die Geschichte des Ortes Otzenrath vergessen wird

von Andrea Schneider/TAZ-November 2000

OTZENRATH  taz • Eine Widerstandskärnpferin stellt man sich anders vor. Derb vielleicht und immer auf der Lauer. Jedenfalls nicht wie Inge Broska. Wenn die zierliche Frau lacht wippen kastanienbraune Locken um ihr zart geschminktes Gesicht. Sie lacht gern - und viel. Doch Inge Broska hat auch gelernt, zu streiten. Für ihre Interessen als Performance-Künstlerin und gegen Garzweiler II. Sie lebt in Otzenrath, einem von drei Dörfern, deren Bewohner bis 2006, wie Rheinbraun es ausdrückt, "abgesiedelt" werden sollen.

Die Künstlerin hat ihre persönliche Art des Widerstands gefunden, die ohne vorwurfsvolle Gesten auskommt. Inge Broska sammelt. Je näher Bagger und Grube rücken, desto intensiver häuft sie Erinnerungen und Geschichten aus den Dörfern an, die in Erwartung von etwa 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle von den Landkarten verschwinden sollen. Ihr Heim ist zu einer Ausstellungsstätte geworden.

"Hausmuseum Otzenrath" steht neben ihrem Namen auf dem Klingelschild. Schon der Eingangsbereich schwappt über vor Erinnerungen. Fotos, Zeichnungen, Haushaltsgegenständen. Manche stammen von Broskas Vorfahren. Einige Sachen konnte sie aus verfallenenen und verlassenen Gebäuden in der Nachbarschaft mitnehmen. Immer häufiger kommt es vor, dass Nachbarn und Freunde ihr alte Tassen, Kannen oder Bilder der bedrohten Dörfer bringen. Inge Broska, die Hüterin der Erinnerungen.

Gestapelt werden sie in Wohnzimmer und Küche: Kaffeekannen und -wärrner auf dem Schrank. Backförmen an den Wänden. In den Nischen eherne Haushaltsgeräte, die von einer sehr alten Zeit erzählen. Am Durchgang zur Küche bleibt Inge Broska stehen und nimmt ein in die Jahre gekommenes Hackbrett von der Wand. "Hier sage ich immer, dass mein Großvater so lange auf dem Ding hersmgearbeitet hat, bis ein Loch drin war." Wenn sie Jacht, ist die 57-Jährige zeitlos -wie die Fotografien  die sie in unterschiedlichen Größen an all den Wänden ihres über 100 Jahre alten Hauses präsentiert. Das Haus, ein Museum - Erinnerungen gegen die drohende Zer störung. Es geht um den leis‘en Protest gegen den Tagebau - und gegen das Vergessen. "Der Name Otzenrath soll lebendig bleibent sagt die Künstlerin. Und mit ihm die vielen Geschichten, an Jie sich heute kaum noch jemand erinnert, weil so viele Dorfbewohner schon gegangen sind. Kleine Erzählungen sind es, die in der Geschichtsschreibung mit ihren nüchternen Zahlen und Daten keinen Platz finden. Inge Broska bewahrt sie, erzählt sie, schreibt sie auf. Die Geschichte von dem Prokuristen einer naht gelegenen Textilfabrik, der in der Landwirtschaft einen neuen Anfang wagte. Später dann, als Vorsitzender eines dörflichen Vereins, hieß er "der gute Hirte" weil er mit seinen Kühen an den Weiden entlang zog

Oder die Geschichte der jüdischen Frau, die nach Deportation und Krieg wieder nach Otzenrath zurückkehrte. Sie blieb allein. WIn Fremdkörper, mit dem die dörfliche Gemeinschaft nichts anzufangen wusste. Es sind nicht nur die schönen Geschichten, die im Hausmuseum bewahrt werden.
Inge Broska braucht nur ein paar Meter zu gehen: Direkt hihter den Feldern, dort, wo das Schild "Ja zur Heimat - Stop Rheinbraun" von wuchernden Büschen verdeckt wird, arbeiten sich riesige Bagger auf Otzenrath zu. Täglich, rücken sie näher. 

 

Unterschiedliche Realitäten werden sichtbar. Während der Energiegewinnung mittels Braunkohle weder national noch international eine Zukunft eingeräumt wird, müssen die Menschen vor Ort mit der Entscheidung von Rheinbraun und der Landesregierung leben. Und die heißt: Garzweiler II kommt.
Die Anwohner fliehen aus Otzanrath, Spenrath und Holz, wie sie einst die Ortschaft Garzweiler verlassen haben. Zehn Häuser stehen in Broskas Straße bereits leer. Wie viele es insgesamt in den drei Dörfern sind, weiß die Künstlerin nicht. "Aber noch sind viele Leute da‘: macht sie sich Mut gegen Einsamkeit und Veffall, die sich langsam durchs Dorf fressen.

Nur ein paar Schritte sind es bis zum Ortskern. Einen Zeitschriftenladen gibt es dort, der gleichzeitig Postamt ist, und ein Lebensmittelgeschäft. Otzenrath bietet seinen Bewohnern,aIles, was sie zum Leben brauchen
- noch.

Nein, Inge Broska wird nicht gehen. Von einigen älteren Nachbarn weiß sie, dass auch sie bleiben wollen. Viele andere werden mit günstigen Krediten in "Neubausiedlungen mit Butzenfenstern und Löwenknäufen gelockt. Dörfer von der Stange‘ lästert sie. "Keine Geschichten, keine Erinnerungen."Mutig sei sie nicht, sagt Broska. Vielleicht halsstarrig. Sie stapelt alte Hobel, Bücher und zeitgenössisthe Kunst als Bollwerk gegen die Kraft der Maschinen. ‚yoko Ono hat mir eine Arbeit geschenkt." Der Künstlerin ist Inge Broska im Bonner Frauenmuseum begegnet. Dort arbeitet Broska als Kuratorin, stellt aber auch eigene Arbeiten aus. Der Heldinnen-Friedhof• beispielsweise - auf Grabmale geschriebenen Rezepte - wirft die Frage auf, was Frauen hinterlassen, wenn sie sterben.

Wenn ein Dorf wie Otzenrath stirbt, geht reale Geschichte verloren. Inge Broska kennt sie alle, die ökologischen Landwirtschaftlichen Gründe die gegen den Braunkohletagebau sprechen. Doch nüchterne Argumente haben keinen Mernungs wandel bei den politisch und wirtschaftlich Verantwortliche t bewirkt. Broska wehrt sioch anders: Mit Geschichte. Otzenrach ist über 800 Jahre alt - älter als Berlin. Erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1182, als Heinrich von Berche seinen Hof Esgerodhe (Otzenrath) dem Benediktinerinnen-Kloster zu Neuwerk vermache. Inge Broska erinnert an Denkmale, das alte Pfarrhaus, trutzige Höfe, Wegkreuze und Kirchen. Sie hat ein Kunststipendium "gegen das Vergessen" eingerichtet. Zwingende Vorgabe:

Die Stipendiaten müssen dcii Namen Otzenrath in ihrem Lebenslauf führen.Otzenrath wird leerer. Aber Inge Broska gibt die Hoffnung nicht auf, dass dieNachricht eintrifft, auf Garzweiler II werde verzichtet. Irgendwann werde es geschehen, sagt sie - hoffentlich rechtzeitig, bevor Verfall der Dörfer so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. Den Sekt für diesen Augenblick hat Broska schon kalt gestellt. Feiern will sie, nicht vergessen.

Das Hausmuseum Otzenrath kann besucht werden. Anmeldungen unter der Telefonnummer 021 64/4613.